Tag Archives: Zugfahrt

Der Hokutosei (oder 12 Stunden auf 4qm)

Abfahrt in Hakodate um 21:48, Ankunft in Ueno 11,5 Stunden später. Mein Einzelzimmer hat etwa 4qm. Zum Schlafen reicht das. Aber zuerst ein überteuertes Abdendesssen im Bordrestaurant; mit Kellner, wie es sich gehört. Bleibt die Frage: Wie kann er bei diesem Geruckel der Waggons drei Bier auf seinem Tablett balancieren?

Um 22:40 fahren wir fast unbemerkt in den Seikan-Tunnel ein: 54km lang, 240m unter NN und wenn ich die Zahlen Richtung im Kopf habe, 23km unter Wasser, 12 davon unter internationalen Gewässern. Ich verlasse für ein paar Minuten Japan. Man bemerkt den Tunnel eigentlich nur, weil es plötzlich lauter wird und die Scheiben beschlagen. Vom Tunnel selbst sieht man nur hin und wieder die Notbeleuchtung, in regelmäßigen Abständen kleine Querstollen. Gegen 22:57 folgen dann plötzlich durchgehende Beleuchtung und sehr lange Querstollen, die zu einem Paralleltunnel führen. Das dürfte dann der Nothaltepunkt Tappi-Kaitei Eki sein. Technisch sind wir genau jetzt unter Honshu. Um 23:06 ist der Spuk vorbei. Noch vor Mitternacht endet das Kapitel Hokkaido.

Schlafen im Zug ist gar nicht so einfach. Jedesmal, wenn der Zug abbremst donnern die Wagons aneinander und man fällt fast aus dem Bett. Zumindest ist man wach. Frühstück dann um 7:30 Höhe Koriyama. Das kommt mir bekannt vor. Bei meiner letzten Japanreise ging es hier ab nach Aizu-Wakamatsu. Das Wetter hat sich geändert. Es ist bewölkt und ab und zu regnet es. Mal sehen was dieser Tag noch bringt…

Nachtrag aus Juni 2011: Koriyama ist nach dem Beben 2011 am Rande der Strahlenzone des Fukushima-Reaktors. Der Hokutosei fährt nicht mehr. Die Bahnstrecke ist auch nach 3 Monaten noch gesperrt. Mir wird bei der Nachbarbeitung des Blogs bewußt, daß ich durch Orte gereist bin, die jetzt Sperrzone sind, daß ich mit Zügen gefahren bin, die es jetzt nicht mehr gibt. Ich werde demnächst mit dem Blog “Urlaub 2008” starten. Ein paar der Orte wird es jetzt wohl nicht mehr geben.


Kanji-Lexikon: Hakodate 函館, Ueno 上野, Honshu. 本州, Koriyama 郡山, Aizu-Wakamatsu 会津若松, Hokkaido 北海道, Tappi-Kaitei Eki 竜飛海底駅, Seikan-Tunnel 青函トンネル


Japanischkurs: Ich hatte schon zuvor die Eigenart der japanischen Sprache erwähnt, daß Kanji verschiedene gelesen werden können. Hier ein gutes Beispiel: Der Name des Tunnels (Seikan) setzt sich aus den Ortsnamen zusammen, die der Tunnel verbindet: 青森 (Aomori) und 函館 (Hakodate). Aus “Ao” (青) und “Hako” (函) wird “Sei – Kan (青函)”.

Nikko und ein Regenschirm

Der Wechsel nach Nikko ist geprägt von Zugfahrten: 2 Stunden nach Nagoya, 2 weitere Stunden nach Tokyo, 2 nach Utsunomiya und eine von fort nach Nikko. Ein Sightseeing-Zwischenstop ist da nicht drin. Oder? Da ist ja noch mein Regenschirm in Nagoya.

Ach ja. Hatte ich glaube ich noch nicht erzählt. Hier im Ryokan stehen so kleine Tonfiguren in einer Vitrine. Alle mit spitzem Mund. Es sind Räuchergefäße. Das Geheimnis der Figuren kann ich nicht ganz lösen. Es gibt 100 Stück und es sind Personen der japanischen Geschichte. So viel habe ich raus.

Nach einem ausgiebigem Frühstück und Koffer wieder zusammenpacken geht es los zum Bahnhof. Um 10:30 Uhr gleich der erste Patzer. Die Züge fahren stündlich nach Gifu, außer … Richtig, außer um 10:37 Uhr. Genau dieser Zug fährt als Local nur bis Minaota. Meine Zeitplanung “2+2+2+1” muß um eine weiter Stunde Wartezeit ergänzt werden.

Was tun? Wir nehmen den Local. Der Express eine Stunde später wird schon aufholen. Nach dem Fahrplan in Minaota auf 11 Minuten. Eine sichere Sache. Und los. 2 Waggons Local, das gleicht eher einem Schienenbus. Außer mir sind 6 Fahrgäste an Board. Gleich am ersten Halt fällt mein Blick auf einen riesigen alten Baum. Ich erfahre, daß das der älteste Kirschbaum Japans ist. Schnell ein Foto. Das hätte ich im Express verpaßt. Weiter geht es im Zuckeltempo.

Kurzer Stop in Minaota. Ich habe mich irgendwo verlesen, denn nach Anzeigentafel habe über 20 Minuten. Zeit für einen Kaffee. Eine Stunde später bin ich in Nagoya. Der halbe Tag ist rum. Ich buche ein Shinkansenticket und eile dann (mit Koffer) zum Hotel, um meinen Regenschirm zu holen. Auf dem Rückweg noch ein Stop bei “Big Camera” und anschließend die Feststellung, daß ich den Zug verpaßt habe. Habe irgendwie die Ziffern auf den Ticket durcheinander gekriegt. Also: neues Ticket. In Tokyo wird dann der Shinkansen gewechselt (von Grün nach Blau). Stressig wird es in Utsunomiya. 2 Minuten liegen zwischen Ankunft des Shinkansen und Abfahrt der JR Nikko Line; ein Bummelzug, der mich 2004 zur Weißglut getrieben hat. Mit Anlauf und Riesenkoffer. Der Impulserhaltungssatz wäre auf meiner Seite. Geschafft. Es ist bereits dunkel, als ich in Nikko ankomme. Es folgt die letze Etappe; mit dem Taxi zum Hotel.

Ich glaube ich bin hier falsch. 2 Pagen kommen mir entgegen. Einer verschwindet mit meinem Gepäck, der andere eskortiert mich zur Rezeption. Er kurbelt sogar die Drehtür für mich. Im Marco Polo stand zwar was von Luxushotel, aber … Hoffentlich stimmt der Preis aus dem Internet. Ich sehe schon meine Kreditkarten schmelzen. Nach dem Check-in geht es mit Eskorte zum Zimmer. Meine Koffer sind schon da. Das Haus ist eine Mischung aus Japanischen und altem englischen Stil. Eine faszinierende Kombination. Dunkle, alte Hölzer; überall Teppichboden, im Restaurantbereich Parkett. Mein Zimmer ist extrem geräumig, hat zwei englische (= butterweich gefedert) Betten, ein Badezimmer mit Badewanne und eine Minibar. Und es ist die erste Minibar, die ich sehe, die gefüllt ist. Ich entdecke sogar Bier und Whiskey.

Was ich bis jetzt nicht wußte: Das Nikko Kanaya ist das älteste Hotel im westlichen Stil in Japan. Preislich normalerweise bei 200€ plus. Irgendwie bin ich, eher durch Zufall, an ein Zimmer für 134€ gekommen. Der Service ist bis jetzt 5 Sterne superior. Dagegen ist das Radisson ein besseres Hostel.

Da das Resto schon geschlossen hat, suche ich mir eine Kneipe und entdecke mal wieder so ein Fundstück der Woche. Komplett zugerümpelt mit europäischen Kitsch. Der Gesamt- eindruck samt Publikum ist irgendwie “verschroben intellektuell”. Leider gibt es auch hier nichts Eßbares. Also halte ich mich an Hopfenkaltschalen.

Nachtrag: Ich hab heute die Bilder aus Nikko im Prorgamm, da es vom Wechsel selbt keine guten Bilder gab.

Infos zum (zweit?)ältesten Kirschbaum

Shinkansen und die Bahnhöfe Tokyos

Gestern ist nicht viel passiert. Ich habe es zum Kendoshop geschafft und eine Rüstung gekauft. Sie wird fertig sein, wenn ich zurück in Tokyo bin.Es ist ein einfaches Modell, nichts extravagantes. Bei den Bändern fürs Men entscheide ich mich für Libellen, passend zu meiner Tsuba. Und wieder steht das Bou zur Diskussion. Irgendwie setzt sich “Priester, Kind” durch, das wir vor einem Jahr im Darouma gefunden haben. Sicher bin ich mir nicht, aber die Entscheidung ist gefallen. Der Vereinsname ist kitadoitsu (Norddeutschland), fand ich ganz passend, da ich ja keinem Verein zugehörig bin.

Heute geht es, nach einem kurzen Abstecher zur Firma und nach Akihabara, nach Nagoya. 16 Uhr. Shinkansen. Endlich mal wieder. Der Start ist ab Ueno geplant, denn ich habe keinen Bock auf die Kombination Rush Hour + Yamanote + Tokyo Eki + Koffer. Ich buche einen Sitzplatz … ab Tokyo Eki? Der Shinkansen nach Nagoya fährt nicht ab Ueno? Arghhhhh. Immer diesen feinen Unterschiede zwischen JR West und JR East. Und der Tüffel am Counter wollte mir den Zug in 20 Minuten buchen. Hallo? ich handel ihn um 30 Minuten hoch. Das sollte mir ausreichend Zeit geben. Auf dem Weg um Bahnsteig entdecke ich Sakura Mochi und andere Leckereien; kurz bevor ich mir den Kopf stoße. Ueno ist extrem flach gebaut in der Zwischenebene (oder ich bin zu groß).

Es folgt: Yamanote mit Koffern, was erstaunlich gut geht. Bin wohl etwas vor der Rush Hour unterwegs. Dann die Frage: Welchen Shinkansen? Links grün rechts blau. Zwei getrennte Sektionen. Ah, grüne ist der Tohoku-Skinkansen. Ich muß den blauen Schildern folgen. Das wäre beinahe schief gegangen, denn auch die Bahnsteige und Schranken sind verschieden.

17:30 Uhr: Bahnsteig 15, Waggon 14, Sitz 13A. Ich habe Bier, eine Bentobox, meinen Koffer und KEIN Ticket! Wo ist das Scheißding? Egal, wird schon irgendwie gehen. Plötzlich ein Schaffner. Er hat mein Ticket. Das nenne ich Service. Es war mir eben aus der Tasche gefallen, als ich nach der Sucia sucht, um meinen Proviant zu bezahlen.

19:21: Ankunft in Nagoya und mit dem Taxi zum Hotel. Das Hotel ist gutes Mittelfeld, nichts spezielles, aber fällt auch nicht negativ auf. Nach dem Check-in geht es zurück zum Bahnhof. Direkt mit diesem verbunden ist ein Hochhauskomplex mit Hotel (Mariott). In den Etagen 12F und 13F gibt es ein Resto neben dem anderen. Ich kann mich nicht entscheiden. Meine Wahl fällt auf das Resto im 51F mit traumhaften Blick auf Nagoya. Gut der Kaffee kostet 600en (4€), aber egal. Ich ordere kurz vor Küchenschluß noch Spaghetti mit Garnelen. Man hats ja. Der Tisch ist direkt am Panoramafenster. So eine Aussicht hat man seltem zum Essen. (Keine Kamera dabei.)

Der Tag endet um 23 Uhr im Public Onsen des Hotels, daß ich um diese Uhrzeit ganz für mich alleine habe. Auf dem Weg dorthin treffe ich noch einen der Hotelmitarbeiter. Es stellt sich heraus, daß er fließend Deutsch spricht. Das hat man auch nicht jeden Tag (seit Naruko 2004 nicht mehr vorgekommen). Bin ja sonst schon über ein bischen Englisch glücklich.

大阪 から 富士河口湖 まで

Das wird eine lange Fahrt mit mindestens zwei mal umsteigen. Wieder einmal bleibt keine Zeit für einen Zwischenstop. 2004 waren die Zwischenstops zwar immer etwas hektisch, aber auch immer gut. im Kontrast wirken diese reinen Zugtage so verloren. Mein Gepäck ist zu Ende. Der erste Stop des Tages ist daher die Waschküche. Maschine und Trockner sind unüberwindbare Hindernisse. Ich kann kein einziges Symbol entziffern. Ohne Hilfe des Personals finde ich nicht einmal das Fach für das Waschpulver. Uhnd wenn ich nur die Infos auf der Waschmittelpackung lesen könnte …

Um 12 Uhr geht es zum Bahnhof. Warum lerne ich eigentlich Japanisch? Der Taxifahrer kapiert erst bei “Ooska Train Station, please” wohin ich will. Arghhh. Egal. Nächster Stop ist Shin-Yokohama. “Shin-” (新, das japanische Wort für “neu”) bei Bahnhöfen meint in der Regel den Haltepunkt des Shinkansen. Nicht immer war es möglich, den existierenden Bahnhof an das Shinkansennetz anzuschließen, daher wurde ein neuer Bahnfhof gebaut. Erster Zugwechsel ist in Hachioji. Das ist auf der Karte links von dieser irren lange schnurrgeraden Bahnstrecke, die in Shinjuku startet. Weiter geht es nach Otsuki. Wo auch immer das ist. Diesmal wechsele ich zusätzlich den Bahnbetreiber. Der JR-Pass ist hier ungültig. Der Bahnhof war putzig. Man hatte das Gefühl man steigt in eine Kinderachterbahn eines kitschigen Freizeitparks. Der zug ist zum Glück normal neutral. Die vorletzte Haltestelle (Fujisan) verschlafe ich. Fies ist, daß der Zug hier die Fahrtrichtung wechselt. Ihr glaubt gar nicht, wie schnell ich hellwach bin. Als ich in Kawaguchiko (vollständiger Name ist Fujikawaguchiko) ankomme, ist es späte Dämmerung. Der Fuji ist in Wolken gehüllt und nicht zu sehen. Gar nicht. Und das bei stattlichen 3700 Höhenmetern (Kawaguchi 700m).

Was für ein Hotel. Roaaarrr. Von außen schon der Hammer schlecht hin. Ein Mann zum Tür öffnen, einer für den Koffer und einer für den Check-in. Allerdings heiße ich “Mobile”, fälschlicherweise ist das Dinner mit drin (4000 en extra), und meine Mastercard wird nicht akzeptiert. Kleinigkeiten. Hoffe ich. Die Visa wird vom System abgelehnt. Ohh. Letzter Notnagel: Amex Blue. Die klappt. Das war wohl wichtigste Argument für drei Kreditkarten. Aber was ich bei der Visa los? (Nachtrag: Visa hatte die Karte gesperrt, da ich in Deutschland kaum Umsätzte gemacht habe, sie aber in Japan im Vergleich dazu exzessiv genutzt habe. Man dachte an einen Mißbrauch der Nummer. Alles ganz nett, aber das Problem habe ich erst zurück in Deutschland lösen können.)

Um 19 Uhr folgt ein kleiner Rundgang durch Kawaguchiko. Das Kaff ist tot, nur noch ein Laden hat geöffnet. Und es ist kalt. 25°C. Gut daß ich einen Pullover mithabe. Habe ich das jetzt wirklich geschrieben? Das noch geöffnete Resto ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Man sitzt quasi in der Küche. Ein Chaos aus Edelstahl, alten Töpfen, Gaskochern und Gasleitungen. Naja. Das Essen ist um so besser. Die Suppe war nicht ganz mein Fall, aber es ist auch schwierig meinen Geschmack zu treffen. Überrascht hat mich der Pfirisch. Riesig und sau lecker. Nicht wie der Kram aus dem Supermarkt in Deutschland.

Abschluß findet der heute Tag im Onsen des Hotels. Die Umkleide wie immer. Viel Holz, die kleinen Körbe, dahinter die Duschen mit diesen Minihockern. Dann geht es durch die Glastür. Die Becken sind draußen. Was für ein Ambiente. Kleine Steinwege, mehrre Badezuber und Becken; dazu Palmen, Bambusdächer und der Nachthimmel. So läßt es sich aushalten. Am liebsten würde ich hier stundenlnag relaxen. Bei den Wassertemperaturen sind es eher 2 Minuten. Ich bin ganz alleine, und so wandel ich zwischen den verschiedenen Becken hin und her. Man muß einfach mal jedes ausprobiert haben.

宮島 から 大阪 まで

Der Aufenthalt in Miyajima war zu kurz. Allen, die diese Zeilen lesen, sei angeraten: 4 Tage Minimum. Lieder ist das Hotel in Oosaka schon gebucht und Jan erwartet mich heute Abend. Nach Oosaka sind es 2 Stunden. Bleibt genug Zeit für eine ausgiebige Runde durch Hiroshima.

Auf geht’s, den Freadom Boulevard runter, eine der wenigen baumbepflanzten Straßen, die ich in Japan kenne. Hier gibt es wohl auch einzigen frei lebenden Mülleimern in Japan. Ich stehe vor dem Atom Bomd Dome. Unheimlich. Dann der Vergleich im Kopf: die Fotos aus den Geschichtsbüchern, das Livebild vor einem. Ich betrete die unterirische Erinnerungshalle (habe ich 2004 übersehen). Hier werden Namen und Fotos aller Opfer angezeigt; dazu ein 360°-Panorama-Relief von Hiroshima nach dem Bombenabwurf. Die Stimmung ist beklemmend. Raus hier. Ich gehe durch den Peace Memorial Park, vorbei an weiteren Mahnmalen, zum Museum. Dieses mal mache ich die Tour mit Audiokommentar.

Weiter zum Okonomiyaki-Laden von 2004, der aber geschlossen hat. Ich wandere zurück in Richtung Bahnhof. In der Nähe vom Hotel Flex, meinen Basislager 2004, ist ein japanischer Garten. Da muß ich hin. An kochend heißen Tagen wie heute sind die Waldregionen noch attraktiver als sonst. Entspannung pur. Ich laufe um den Teich mit den springenden Karpfen und beobachte die Schildkröten … und die mich. Scary. Zurück am Bahnhof kaufe ich mir einen Trolly für den großen Rucksack. Ich bin es leid, dieses 25kg-XXL-Ding auf dem Rücken zu haben. Dazu der Rucksack und die Shinais.  Die 2500円 lohnen sich schon nach den ersten 100m.

Im Dunklen geht es nach Shin-Oosaka, vorbei an der illuminierten Himeji-Burg, und weiter mit Local nach Oosaka Eki. Um 19:30 Uhr werde ich in den Umeda-Untergrund gespült. Auweia ist das riesig. Ich dachte immer Yeasu in Tokyo ist groß. Ich habe mich geirrt. Mehrere Ebenen, lange Gänge, Kreuzungen, dazu die Gänge und Shoppingbereiche von drei verschiedenen Bahnbetreibern und die Kellergeschosse von diversen Kaufhäusern. Links, rechts, geradeaus. Ich nehme ich die Treppe nach oben und habe keine Ahnung, wo ich bin. Der Bahnhof ist außer Sicht. HEP Five, das Riesenrad auf dem Hausdach, ist meine einzige Orientierung. Aber es fehlt auf meiner Karten. Schluß. Aus. Taxi. Es fährt mich in die Mitte des Amusement Districts von Umeda. Na, da habe ich mir ja ein Hotel ausgesucht. Esl liegt in zweiter Reihe und damit ruhiger als befürchtet.

Jan war schon hier und hat seine Telefonnummer hinterlassen. Auf dem Zettel steht “Mr. Yun”. Aber das paßt schon. Zurück in den Untergrund, Jan suchen. Er will mir einen Oosaka-Crashkurs verpassen. Ein paar Haken und alles was ich weiß ist: Oosaka. Die Reise endet in einem Izakya. Dunkle Hölzer, kleine Tischgruppen. Sie sind wie Cubicles mit Wänden, die vor fremden Blicken schützen. Damit die Bedienung weiß, daß sie erwünscht ist, gibt es eine kleine Klingel. Das können die Japaner: selbst in den öffentlichsten Räumen Privatsphäre schaffen. Die Kellnerin bedient in altem japanischen Stil, auf dem Fußboden kniend. Es gehört dazu. Fast ein wenig peinlich.

Und ich lerne wichtige Sachen über Izakayas.: Edamame: So was wie die japanische Salzstange. Edamame sind gekochte und anschließend gesalzene Sojabohnenschoten.Man ploppt sich die einzelnen Bohnen einfach in den Mund. Daneben gibt es viele weitere Kleinigkeiten. Regel: Man bestellt jede Kleinigkeit nur ein Mal. Ist eines dieser vielen ungeschriebenen Gesetze in Japan. Suminasen ruft die Bedienung, wenn es keine Klingel gibt. Onegaishimasu (wörtlich “eine Bitte machen”) bedeutet hier “Die Rechnung bitte.” Betsu-Betsu meint, daß man getrennt bezahlt. Allerdings 50-50. Man teilt die Rechnung durch zwei, egal wer was hatte. Nicht wie in Deutschland, wo alles auf den Cent genau auseinandergefusselt wird.

P.S.: Oosaka schreibt man 大阪. Das erste Kanji wird “Oo” geschreiben. Ich folge dieser (traditionellen) Schreibweise.

別府 から 宮島 まで

Ab heute geht es schrittweise zurück nach Tokyo. Der erste Sprung bringt mich nach Miyajima, jene kleine Insel nahe Hiroshima, die ich schon 2004 besucht habe. Damals war ein paar Tage zuvor ein Taifun über die Insel gerauscht und hatten Schrein teilzerstört. Dies ist also Anlauf zwei; inklusive Übernachtung und Schrein bei Nacht.

Es liegt nichts sehenswertes auf der Strecke, folglich geht es ohne Zwischenstop nach Hiroshima; Ankunft: 14:15 Uhr. Es geht im Schnellmarsch zum Museum am Peace Memorial Park; Infos absaugen. Zurück am Bahnhof erfahre ich von einem Hanami (Feuerwerk) ganz in der Nähe. Das Hin- und Herfahren (muß ja bis 19 Uhr im Hotel einchecken) kostet mich etwa 2,5 Stunden. Egal, das Abendprogramm ist gesichert. Während der Fährüberfahrt erblicke das Torii, den Schrein und mein Hotel direkt an der Promenade. Eine einzige Urlaubskulisse, die immer dichter kommt.

Miyajima

Es ist heiß. Sonne pur. Die Straße führt direkt am Ufer entlang. Palmen. All der Streß von der Aso-Reise ist verflogen. Urlaub. Ich werde langsamer. Ich will einfach diesen Anblick vollständig aufsaugen. Wasser, Strand, Sonne, Palmen. Oh ja, Strand. Überall laufen Rehe; handzahm und nervig. Aber sie gehören irgendwie dazu. Und da ist es, zwischen den Palmen, das berühmte Torii. Die grell orange-rote Farbe im einmaligen Farbkontrast zum Blau des Wassers und des Himmels. Genau in diesem Moment ist es Urlaub.

Gleich nach dem Check-In geht es zurück nach Hiroshima. 40 Minuten Wartezeit sind genug fürs Abendessen. Ich finde jedoch nur das “Resto zur goldenen Möwe”. Was sagt die Burger-Währung? Cheeseburger 100yen (80 Eurocent) meint: Der Yen ist unterbewertet.  Ich entscheide mich für den Teriyaki-Burger, den es nur in Japan gibt. Der Geschmack ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber lecker.

Hanami

Um 19:30 sitze ich im Zug zum Hanami. Wo muß ich austeigen? Mein kleiner Zettel in Romaji vs. die Streckenkarte in Kanji. Super. Der Schaffner nuschelt. Zum Glück heißt die Station “Higashi-XY”. Vorher werden wir “Chuo-XY” und “Nishi-XY” erreichen. Zwei Chancen die Lautsprecherdurchsage zu verstehen und die Schilder am Bahnsteig zu lesen. Irgendwie fängt hier alles mit Higashi, Chuo oder Nishi an. Sehr kreativ.

Ich steige aus und sehe hinter einem Haus das Feuewerk. 5 Miunter später schaue ich von der Straße runter auf die großen Wiese, wo das Hanami stattfindet. Anders als in Deutschland starten die Raketen in kleinen Gruppen; dazwischen Pausen. Nach einer Salvo von etwa 15 Stück folgt eine längere Pause mit Durchsage. Es wirkt auf mich wie eine Vorführung von verschiedenen Feuerwerkern. Der Platz ist eingerahmt von Verkaufsständen. Ich kriege Hunger und ein Bier könnte ich auch vertragen. Das Feuerwerk läuft im Hintergrund. Während ich etwas Eßbares suche, erfahre ich, daß ein Hanami etwa 2 Stunden dauert. Deshalb auch der Aufwand, der mir erst jetzt auffällt: Das Zuschauerareal ist in kleine Parzellen unterteilt. Die meisten Gruppen haben einen Grill aufgebaut; ein großes BBQ bei Nacht mit Feuerwerk. Das Schönste ist aber, daß die Traditionen noch nicht ganz tot sind. Viele Besucher tragen Kimono oder Yukata. Bei dem Wetter sicherlich nicht das Verkehrteste.

Die ausgelasse Stimmung schwappt zu mir über. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber auf einmal sitze ich mit in einer BBQ-Gruppe. Small Talk. Bier. Gegrilltes. Der perfekte Abschluß des heutigen Tages. Leider muß ich zu früh los. Die letzte Fähre darf ich nicht verpassen und ich will einen Zug früher fahren, da ich unterwegs umsteigen muß. Sicher ist sicher. By the way…. Die Schwester vom Mann am Grill ist 29 und Single. Den Rest des Gespräches könnt ihr euch denken. Was ist nur los mit diesen Japanern?

Entspannt erreiche ich die letzte Fähre um 22:40 Uhr nach Miyajima und laufe bis nach Mitternacht am Wasser entlang. Die Kulisse bei Nacht ist einmalig.

高山 から 別府 まで

Der nächste Standortwechsel steht an. Gleich nach dem Frühstück (um 8 Uhr) geht es los. Das wird eine sehr lange Fahrt. Es geht durch halb Japan bis nach Beppu, inklusive zwei mal umsteigen. Der Plan gerät ins Stocken, bevor er beginnt. Der Local nach Gero geht um 10:35 Uhr. Gero? Warum Gero? Ich habe auf den einzigen Zug gesetzt, der nicht nach Gifu durchfährt. Eine Stunde bis zum nächsten Zug in der Gegend rumstehen? Der Plan: Ich fahre erst nach Gero mache dort Mittagspause und springe dann in den Ltd.Express. Da der Local langsamer ist, wird der etwas Vorsprung schmelzen. Es ist zwar nicht der beste Plan, der gleich an der dritten Station wankt. Der Local stoppt für 5 Minuten, um den Gegenverkehr durchzulassen. Fängt ja gut an. Nicht, daß uns der Express vor Gero überholt.

Um 12 Uhr erreicht der Zug Gero. Der Ltd.Express wird in 30 Minuten folgen. Ich habe also eine halbe Stunde “tot geschlagen” und genug Zeit für Kaffee und Kuchen in einem kleinen Cafe gegenüber vom Bahnhof. Gero macht jetzt nicht den muntersten Eindruck. Alles wirkt etwas runtergekommen und angerostet. Es ist halt ein kleiner Ort im Nichts. Den für mich lesbaren Infos nach sind Onsen das einzige wofür es sich lohnt zu stoppen. Eine Stunde später bin ich in Nagoya. Aber eines ist klar. Noch einmal mache ich diese Local-Nummer nicht. Selbst ohne die Uhr im Rücken, nervt es doch.

Eigentlich wollte ich jetzt bis Beppu durchfahren. Aber ich muß in Shin-Oosaka umsteigen. Das sollte ich hinkriegen, auch wenn die Gefahr besteht, zu schmelzen. Nagoya hatte 32°C gemeldet. Hier in Oosaka ist es nicht besser, eher schlimmer. Der Blick aus dem Fenster war bisher abwechselungsreich: Reisfelder, Berge, Flüsse, Städte, ganze Idustrieanlagen wechseln einander ab. Nun fängt es an zu dämmern. Die ideale Zeit, sich um das onboard-Abendessen zu kümmern. Die Dame mit dem Trolley rollt hier regelmäßiger vorbei als bei der Lufthansa. B&B; Bento und Bier. Das könnte der Beginn einer Tradition werden.

Es folgt der letzte Wechsel in Kokura (das ist irgendwo auf Kyushuu) und ich erreiche gegen 20:36 den Bahnhof von Beppu. Die Betonung in der Ansage ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Es klingt etwa wie “Bee–puuuuuu, Bee–puuuuuu! mumbel mumbel WA mumbel O mumbel NO mumbel mumbel DESU!” Zumindest tritt die Grammatik deutlich in den Vordergrund.

Ich nehme ein Taxi zum Hotel. Dieses liegt zwar in zweiter Reihe, aber allein der Flur zu meinem Zimmer überzeugt. Mein Zimmer ist sehr geräumig. 12 Tatami plus X und ein geräumiges Bad. Vielleicht etwas hellhörig. Aber wird sind in Japan. Man sollte die Papierfenster geschlossen halten. Der Blick nach draußen lohnt nicht wirklich. Das Seidenpapier hingegen gibt einem die Illusion, man sitzt in einem alten Samuraihaus und draußen nur Reisfelder, bis dort, wo die Berge beginnen. Ich glaube sogar, daß es selbst noch gemütlich aussieht, wenn dahinter nur eine Wand wäre und man das weiß.

Was tun mit dem Rest vom Tag? Ich laufe etwas durch die Gegend zwischen Hotel und Bahnhof. Der Strand ist süß. 200m Sandstrand. Naja. Als Lübecker ist man vielleicht auch zu verwöhnt. Leider ist der Strand ist voll mit Treibgut. Ein Taifun ist hier vor ein paar Tagen durchgerauscht. Aber sonst ist nichts los. Ein paar Kneipen. Heute Abend soll es der Pizzaladen an der am Highway sein. Die letzte Pizza in Japan war so anders als in Deutschland, daß ich dieses Experiment erneut starte. Ich werde nicht enttäuscht. Irgendetwas machen die hier anders. Und es ist gut.