31. Dezember

Viel steht nicht auf dem Plan. Es gibt keinen. Der erste Stop gilt dem Yushima Tenmangu. Danach geht es zum Sumidagawa und weiter zum Schrein, für den ich vor zwei Jahren den Mikoshi getragen habe. Er liegt versteckt in einem Park. Auf dem Weg dorthin mache ich eine Feststellung: Tokyo ist dreckiger als ich es in Erinnerung habe. Auch die Zahl von Pennern (ungepflegte Obdachlose) hat zugenommen.

Weiter zum Sky Tree. Das Ding ist echt hoch. Unten haben sie ein riesiges Shopping Center gebaut. Ich brauche etwas, bis ich kapiere, wie das läuft: Man muß Schlage stehen für einen Platz auf der Warteliste. Es werden gerade “Waiting Tickets” für 16:30 Uhr ausgegeben, dabei ist nocht nicht einmal 11 Uhr. Für dieses Ticket muß man etwa eine halbe Stunde anstehen und mit diesem Ticket dann erneut für den Kauf des eigentlichen Ticktes. Dazu hat man dann 30 Minuten Zeit. Das ist mir zu blöd. Da geht der ganze Tag für drauf. Fürs Erste ist der Sky Tree von der Liste.

Tokyo Sky Tree

Den Weg zu einem der 8 Metropolitain Garden mache ich vergebens. Über Neujahr ist er geschlossen. Ich gehe über eine der Sumidabrücken weiter in Richtung Tokyo Eki. Jetzt stehe ich an einem der Knotenpunkte der Express Ways knapp östlich von Nihonbashi. Die Autobahn stapelt sich in mehreren Lagen. Hier begreift man wie groß und kompakt Tokyo ist.

Auf meiner 5. Reise endlich besichtige ich alte Bahnhofsgebäude von Tokyo Eki. Es ist ein alter Bau im westlichen Stil der Jahrhundertwende; also vorletzte; ein bischen Deutsch und ein bischen Englisch. An der Touri-Info erhoffe ich mir Tips für das Neujahrsfest, z.B. welcher Tempel sinnvoll ist. Schnell merke ich, daß ich mehr über Tokyo weiß, als die Damen hinterm Tresen. Oder anders gesagt: Meine Fragen sind zu speziell. Mein Wissen über die Tokyo ist jenseits dessen, was der normale Tourist fragt. Ich bin eine Stufe weiter. Ich erfahre zwei nützliche Dinge: Am 2. Januar gibt es am Bahnhof einen Drachentanz und fast nebenan eine Teezeremonie. Das läßt sich ideal mit dem Besuch im Kaiserpalast kombinieren.

Der Tag ist halb rum und war bisher wenig erfolgreich. Er nimmt nach Inuyama Platz 2 auf der Worst-Day-Liste ein. Ich fahre raus nach Shinagawa, zum Tempel mit den Gräbern der 47 Ronin. Der Tempel macht nicht viel her. Der Friedhof ist aber gut besucht. Hunderte Räucherstäbchen brennen hier an den Grabsteinen. Die 47 Ronin scheinen für die Japaner wichtiger zu sein, als ich dachte.

Am späten Nachmittag starte ich zu einem Streifzug durch Akihabara. Mein Ziel: Shopping und Maiden Cafes. Hier sind keine Fotos erlaubt. Außerdem bin ich fies, und gebe keinen Bericht. Nur so viel: Man wird mit O-sama oder Master angeredet. Das Ganze ist und bleibt eine merkwürdige Seite der japanischen Kultur. Otaku-Style. Totemo hen.

Um 18 Uhr bin ich zurück am Hotel. Der Chef ist da. Die Rezeptionsdame hatte mir heute morgen versprochen, ihn nach einem Tempel zu fragen. Senno-ji und Zojo-ji sind bestimmt ein Erlebnis um Mitternacht. Aber ich will die Glocke läuten und dort ist die Chance dafür gleich null. Sein Tip ist der Kane-ji. Er liegt am nörlichen Ende des Ueno-Park. Ich habe noch nie von diesem Tempel gehört und auch der Reiseführer schweigt. Meine Chancen stehen gut, daß es dort keine Touristen gibt.

Impressionen Tokyo

Ich überbrücke die Zeit mit einem Streifzug durch die Shopping-Straße von Ueno. Es geht hier zu wie auf einem Wochenmarkt. Zu Abend esse ich in einem kleinen Laden, den ich durch Zufall finde. Es gibt Kariage. Im English Pub am Ueno Park treffe ich einen Briten. Wir klönen bis 22 Uhr, dann breche ich zum Tempel auf.

Am Kane-ji ist so gut wie nichts los. Bin ich hier richtig? Die Glocke ist vorbereitet. Davor steht ein Zelt. Eine Dame geht an mir vorbei und „kauft“ ein Ticket mit einer Nummer. Das sieht gut aus. Ich probiere das gleiche. Mein Name wird in ein Tempelbuch eingetragen. Ich bekomme die Nummer 10. Damit ist es offiziell. Ich werde die Tempelglocke läuten.

Kurz nach 11 Uhr werden alle Gäste in den Tempel gebeten. Wir sitzen mit etwa 10 Mann im Tempel und warten. Nach und nach werden es immer mehr. Um 11:30 Uhr beginnt der Priester mit einem Gebet; die anderen Mönche stimmen ein. Man hört eine Trommeln aus dem Hintergrund. Diesen Moment muß man so aufsaugen wie erst ist. Es ist einer der Momente, in denen man den Tourist hinter sich läßt und in das japanische Leben eintacht. Er ist so speziell und einmalig wie das Mikoshi-Tragen 2010 und das Moon-Viewing 2004.

Dann ist es soweit. Es geht zur Glocke. Um Mitternacht erfolgt der erste Gong durch den obersten Priester, dann folgen die anderen Priester. Jetzt dürfen die Zivilisten ran. Gongschlag Nummer 10. Ich bin dran. Ich steige die Stufen nach oben, greife das Seil, hole aus und lasse den Holzstamm gegen den Glock schlagen. Danach bremse ich den Stamm sofort ab, damit er nicht ein zweites Mal trifft. Gekonnt gestoppt. Das war es kurz gefasst. Mehr ist nicht dran. Während die anderen Leute die 108 Glockenschläge komplettieren, trinke ich Sake und unterhalte mich etwas mit den Priestern und Gästen. Eine Feststellung läßt sich machen: Die älteren Semester geben richtig Holz. Mman zuckt bei dem lauten Ton richtig zusammen.

Neujahr im Kane-ji

Nach den 108 Schlägen kommen noch ein paar weitere inoffizielle. Jeder Helfer darf einmal die Glocke ertönen lassen. Ich darf auch noch Mal. Dieses Mal mit mehr Schwung. Nach ein paar weiteren Sake gehe ich um 2 Uhr zurück ins Hotel. In der ganzen Zeit ist keine einzige Rakete gestartet worden; keine Partys auf der Straßen. Fast ein Abend wie jeder andere.

Nur am Yushima Tenmangu ist die Hölle los. Die Polizei hat die Straße abgesperrt und es hat sich eine 200m lange Schlange gebildet. So kann man auch Silvester feiern: Schlangestehen, um 100 Yen in eine Holzbox zu werfen.

Für mich hat es sich gelohnt. Ich habe Neujahr schon immer anders gefeiert. Dieses Mal habe ich mich selbst übertroffen. Ich bin einer von 108, die offiziell am Kame-ji das Jahr 2013 (Heisei 25) einläuten durften.

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Shibu Onsen

Heute ist Abreise. Nochmehr, heute erfolgt der Wechsel vom alten Japan (Ainokura und Kisodani) ins moderne Japan (Tokyo). Es bleibt die Frage, wo ich den heutigen Zwischenstop einlege. Inuyama? Hm. Keine Lust. Irgendwie hat Inuyama bei mir verschissen. Matsumoto liegt nicht auf der Strecke und die Burg ist eh geschlossen. Nagano? Vielleicht liegt hier Schnee? Von dort ist die Weiterfahrt nach Tokyo simpel. Der Shinkansen fährt durch. Da lohnt es sich doch, den kompletten JRP gekauft zu haben. Auch gibt es mir die Chance, in Kisofukushima einen Brief mit einem Dankeschön zu hinterlegen. Umsteigen muß ich hier eh.

Frühstück ist wie immer um 8 Uhr. Danach geht es per Taxi zum Bahnhof. Es regnet und der Schnee ist weg. Da hatte ich gestern echt Glück; auch wenn es nur ein paar Zentimeter waren. Das abgeben des Briefes dauer etwas. Die Sprachbarriere schlägt zu. Keines der Worte, nach denen ich suche, kommen in einem Sprachkurs vor. Wer lernt schon “diensthabener Leiter der Bahnstation”.

In Kisofukushima fällt die Entscheidung: Nagano. Der Ltd.Express braucht 90 Minuten. Unterwegs kommt mir die Schnapsidee nach Shibu Onsen zu fahren. Das war zwar erst für 2014 angedacht (2004 Reloaded), aner warum nicht. Es war schon während der Planung eine Idee, die durch die gesperrte Paßstraße zwischen Shibu und Kusatsu vereitelt wurde.

Nagano Gallery

In Nagano angekommen ein Blick auf die Uhr. Ich hätte 90 Minuten bis zum letzten sinnvollen Zug nach Shibu. Das reicht für einen Besuch des Zenko-ji, dem großen Tempel von Nagano. Der Koffer wird am Bahnhof verstaut und los geht es.

Hm. In ganz Nagano liegt kein Schnee. Auf der Zugfahrt hierher wurde es weniger und weniger.  Und hier waren 98 die Winterspiele? Der Tempel hat nicht mehr den Reiz, den er 2004 hatte. Hm, Tempelüberdosis? Japanüberdosis? Es gibt noch ein Gewölbe unter dem Tempel, das sehenswert oder besser ertastendswert ist. Dafür ist die Zeit zu kurz. Das plane ich dann mal für 2004 ein.

Plötzlich ist die Zeit um. Im Eilgang geht es zurück zum Bahnhof. Um 15 Uhr geht der Zug. Er heißt Snow Monkey, was die Japaner etwas lustig als “Snoo Moonkii” sprechen. Die Strecke ist so vollkommen anders, als ich sie in Erinnerung habe. Hatte der Zug nicht damals seine Fahrtrichtung gewechselt? In Yudanaka das vertraute Bild. Total Recall. Ob ich es zu den badenden Affen schaffe? Ich schnappe mir ein Taxi und bin um 16:25 Uhr am Eingang;. Knapp … aber zu spät. Ich hatte vergessen, daß es von hier noch 2km in den Wald sind. Das kann ich knicken.

Hier in den Bergen liegt kaum Schnee; etwas Eis, besser gesagt gefrorener Schnee. Es ist spiegelglatt. Aber ich hatte mehr erwartet. Und regnen tut es auch. Das ist Inuyama in Neuauflage. Zu Fuß geht zurück ins Dorf; jetzt ein wenig Onsen. Ich steuere ein Souvenirladen an, um ein Stamp-Towel zu kaufen. Ich erfahre, daß nur Hotelgäste mit Zugangskarte den Schlüssel bekommen. Sch…, das hatte ich total vergessen.

Er läßt mich aber ins Bad #9. Ach, ist das herrlich. Nach dem naßkalten Regen eine echte Entspannung. Es ist genauso, wie ich es erinnere. Die Holzbalken sind alt und teilweise schwarz. Die ständige Feuchtigkeit hinterläßt Spuren. Das Wasser ist bräunlich trüb. Es riecht nach Schwefel. Also eigentlich nichts, was auf den ersten Blick in den Reiseführer gehört. Aber es ist so entspannend.

Shibu Onsen Gallery

Von meinem Plan, alle Onsen von außen zu fotografieren rücke ich nicht ab. Es regnet in Strömen. Ich habe dem Regenschirm am Rücksackgurt montiert, um beide Hände für die Kamera frei zu haben. Dann bin ich frech. Ich habe ein Handtuch um den Hals, das Stamp-Towel am Rucksackgurt. Auch wenn ich keine Yukata trage, gehe ich als Badegast durch. Ich warte auf Gäste mit Schlüssel ich husche mit ins Bad. Das ist unfair und unterläuft die Dorfregeln, aber ich will das Towel abstempeln, um diesen Tag zu retten.

Nach und nach kann ich alle 9 Onsen ansteuern. Mittlerweile ist es dunkel geworden und ich muß an die Fahrt nach Tokyo zu denken. Der Fußweg nach Yudanaka ist länger als in meiner Erinnerung. Ich mache noch schnell ein Foto vom Uotoshi Ryokan. Das Dining With finde ich nicht. Ich glaube, das hat den Betrieb eingestellt.

90 Minuten für die kurze Strecke nach Nagano. 120 Minuten für die Strecke nach Tokyo. Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Locals und Shinkansen kann nicht anschaulicher sein. Ich erreiche Ueno spät und schlage mich zum Hotel durch. Die Rollen vom Koffertrolley haben es echt hinter sich. Nach dem Check-in folgt ein kurzer Streifzug durch den Amusement District. Hier in Tokyo ist es wesentlich wämer als in Nagano. Und es regnet nicht.

Im nachfolgenden Video sieht man nicht viel von Shibu Onsen aber hört hin: Das ist der Sound eines japanischen Onsen im Spätsommer.

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Kisodani

Dem Abendteuer von gestern folgt heute etwas Ruhe. Nach ausgiebigem, japanischem Frühstück werde an der Tür von einem Shiba Inu begrüßt. Der gehört nicht zum Ryokan. Er schleicht um mich herum und versucht immer hinter mir zu bleiben. Eine schnelle Drehung meinerseits und er steht wieder vor mir. Das mag er gar nicht und versucht wieder aus meine Blickfeld zu entschwinden. Er begleitet mich für ein paar Meter, als ich in Richtung Tsumago aufbreche.

Nach etwa 1 km erreiche ich den Anfang von Tsumago. Die Straße ist vereist; eine nicht ganz ungefährliche Rutschpartie. Es liegt etwas Schnee; weniger als in Kisofukushima. Schade. Um 9 Uhr erreichen ich Tsumago. Nichts los. Nach Reiseführer öffnen die Geschäfte erst in einer Stunde. Ich habe die Straße fast für mich alleine. Auch schön.

Tsumago

Tsumago ist eine lange Straße mit alten Häusern. Sie wirkt so ein bischen wie hinter dem Mond links. Einzelne Häuser stechen nicht heraus. Der Gesamteindruck zählt. Es ist die ideale Kulisse für einen Samurai-Film. Der Ort im Nebel wäre der Hammer.

Die Straße teilt sich. Es geht ein paar Stufen hinunter, die ich beinahe im Flug nehme. Sie sind schief und vereist. Das ist schon unfair. Hinter den Stufen folgt es Sandweg der nach ein paar Metern berauf geht. Gar nicht so einfach, denn auch dieser Abschnitt ist vereist. Jetzt werde ich von einer Katze verfolgt. Heute hab ich das mit dem Wildlife. Solange nachher kein Bär die gleiche Idee hat, ist alles ok.

Vorbei an der alten Raststation erreiche ich das Ende der Straße. Hier steht eine kleine Wassermühle und daneben die Nachrichtentafel. Ich drehe um. Etwas neben der Straße entdecke ich noch einen kleinen Tempel. Das Gegenlicht auf dem Rückweg ist etwas blöd. Vielleicht schaffe ich das heute Abend nochmal hierher.

Jetzt geht es auf dem Nakasendo nach Magome. Dabei komme ich auf der Rückseite vom Ryokan vorbei. Bis hier ist der Weg langweilig, da er entlang der Bundesstraße verläuft. Endlich zweigt der Nakasendo von der Straße in den Wald ab. Hier im Wald liegt kaum Schnee; Ist eigentlich schade, aber man kommt schneller voran.

Nakasendo

Das wird eine gemütliche Wanderung. Es geht bergauf. Gelegentlich kreuzt der Weg die Hauptstraße. Die Nähe zur Straße merkt man nicht. Es herscht kaum Autoverkehr. Ohne Blickkontakt denkt man, man wandert durchs Nirgendwo; ort- und zeitlos. Das Wetter ist kalt, aber sonnig. So macht Urlaub Spaß. Wieder ein Seitenwechsel und etwas dahinter eine Weggabelung. Links geht der Nakasendo weiter, rechts führt der Weg bergab zu zwei Wasserfällen. Nach Karte ist es nicht so weit. Den Abstecher mache ich. Zeit genug ist da.

Nur die Glocke verunsichert mich. Neben der Wanderkarte aus Holz steht eine Glocke mit eine Himweis: “Ring the bell hard against bears”; darunter noch ein paar Telefonnummern. Das mit der Glocke kenne ich ja noch aus Hokkaido. Da hat man die Glocke am Rucksack getragen. Ob das mit einer stationären Glocke genauso funktioniert? Und wozu den Telefonnummern? Wenn da ein Bär vor mir steht, fange ich sicherlich nicht an zu telefonieren. Oder gebe ich dem Bär das Handy, sag’ “Ist für dich” und renn weg?

Die Wasserfälle sind knapp 5 Minuten entfernt. Sie sind nicht sonderlich hoch, aber mitten im Wald schon eine schöne Kulisse. Jetzt im Winter sind die Ränder gefroren. Das erinniert mich an die Webseite mit den Berichten, wo Leute eingefrorerene Wasserfälle hochklettern.

Nächster Stop ist bei einem 250 Jahre altem Kirschbaum. Der Wald war vor ein paar Metern zu Ende. Es geht weiter bergauf. Die Steigung nimmt zu. Es geht durch Bambus und da ist er: Der Magomepaß. Er ist die Grenze zwischen den Präfekturen Gifu und Nagano. Das hat mich bei der Hotelsuche verwirrt: Magome und Tsumago hatten so völlig unterschiedliche Vorwahlen und Postleitzahlen. Das erklärt es.

Von nun an geht es bergab. Der Weg wird langweilig. Er folgt der Bundesstraße und hat außer etwas Fernsicht nur wenig zu bieten. Ich erreiche Magome um 14 Uhr am oberen Ende. Hier steht wieder die Nachrichtentafel. Der nächste Bus zurück fährt in einer Stunde. Das sollte reichen. Magome ist nicht so lang, aber sehr schön.

Magome

Eine 300m lange, schön gepflasterte Straße. Die Häuser sind wieder wie in Tsumago. Fast alle sind entweder Souvenirshops oder Herbergen. Der Schwerpunkt ist Honoki-Holz. Das Kisodani ist berühmt für sein Holz. Zur Zeit der Samurai war es der Bevölkerung verboten, das Holz zu verwenden. Da das Gesetz war noch bis vor kurzem aktiv und deshalb sind viele alte Poststädte am Nakasendo verfallen und wurden aufgegeben. Zum Glück wurde das Gesetzt abgeschafft und Tsumago und Magome haben überlebt. So etwas von dem alten Japan schwappt hier in die Gegenwart. Zurück zu den Souvenirshops. Auch ich kann nicht anders und kaufe ein paar kleine Sakebecher.

Ich gehe die Straße bergab. Hier steht eine Wassermühle. Im inneren steht ein Generator. Der Stromzähler hat ein großen Display und eine Anleitung. So viel zum Thema Ökostrom nach Fukushima. An der Mühle macht die Straße einen links-rechts-Schlenker und ist kurz dahinter zu Ende. Der untere Bereich hat nicht den gleichen Charme wie der obere Abschnitt. Also geht es zurück. Noch ein kurzer Chat mit dem Shopbesitzer von vorhin und dann springe ich in den Bus zurück nach Tsumago.

Ich habe doppeltes Glück. Als ich Abreise spült ein Reisebus hunderte Japaner nach Magome. Auch das Wetter schlägt um. Es zieht zu und wird kalt. Ich habe die Beste Zeit des Tages optimal genutzt. Ich laufe noch mal durch Tsumago und vertrödel die Zeit bis zur Dämmerung. Richtig gute Fotos gelingen mir aber nicht, da ab 17 Uhr wieder Autos durch die Straßen fahren dürfen und dadurch die Kulisse verderben.

Es folgt der letzte Abschnitt des Tages und auch der Reise durch das japanische Hinterland. Morgen geht es nach Tokyo. Im Ryokan wärme ich mich kurz im Onsen auf. Um 18 Uhr folgt dann das Abendessen. Was für ein Gelage: gegriller Fisch; Sashimi vom ganzen Fisch (Foto); diverse Gemüse, japanische Suppe, Tempura, usw. Ich bin pappsatt. Noch etwas Nihonshu und dann lasse ich den Tag in Onsen und vorm Fernseher ausklingen.

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Inuyama 1/2

Frühstück um 8 Uhr mit Dingen, die aus meiner Sicht nicht auf den Teller gehören: eingelegtes Gemüse, Fisch und andere Merkwürdigkeiten. Ein Highlight sind definitiv Reis und Miso-Suppe. Alles in allem würde ich nur den grünen Tee gegen Kaffee tauschen.

Die Ryokanbetreiberin fährt mich und den Japaner zur Bushaltestelle. Zurück nach Ogimachi  ist alles bekannt. Im Gegensatz zu gestern ist der Weg über die Brücke noch vereister. Fies. Meine Spuren von gestern sind auch noch sichtbar. Cool. Ich fahre sofort weiter nach Takayama. Der Japaner verabschiedet sich mit „Bis dann“. Ich bin kurz verwirrt. Richtig, seine Ex-Freundin war aus Deutschland.

Inuyama-jo

2400 yen und etliche Tunnel später erreiche ich Takayama. Das Zug-Hopping beginnt. Takayama>Mina-Ota. Der Anschlußzug hält am gleichen Bahnsteig und wartet auf meinen. Warum klappt das bei der DB nicht? Mina-Ota>Unuma. Hier wechsele ich nicht nur den Zug, sondern auch die Bahngesellschaft. Praktisch ist, daß die Bahnhöfe direkt nebeneinander liegen und mit einer Fußgängerbrücke verbunden sind. Unuma>Inuyama.

Ich frage bei der Touri-Info nach einem Coin-Locker. Der Mann blickt kurz auf meine Tatonka-Tasche (zu groß) und eskortiert mich zum Station Office. Dort kann ich den Koffer deponieren. Sehr praktisch und auch billiger. Ein Blick auf die Uhr: Es ist später als geplant. Im Regen geht es im Eiltempo über die Castle Road zur Burg. Hier stehen viele ältere Häuser. Die Straße ist wie Fußgängerzone. Leider haben viele Geschäfte geschlossen.

Die Burg ist sehenswert. Es ist eine der ältesten Burgen aus Holz im Originalzustand. Man kann die ganze Baukunst im Inneren bewundern. Von oben hat man eine gute Sicht über Inuyama. Neben der Burg steht ein kleiner Schrein, der ebenfalls sehenswert ist. Der Park ist dummerweise im Winter ab 4 Uhr geschlossen ist. Jetzt haben wir es 4:15 Uhr. Zurück zum Bahnhof verlaufe ich mich.

Am Bahnhof gibt es keine Chance auf japanisches Futter, also zwei Burger bei „Lotteria“. Nicht mein Tag. Dann setzt sich das Zug-Hopping fort und die Odyssee beginnt. Der Zug nach Mina-Ota ist noch pünktlich. Der Zug nach Tajima hat Verspätung! In Japan! Auf der Anzeige lese ich bis zu 45 min. Verzögerung. Ich hatte JR doch gerade noch gelobt. In Tajima bin ich kurz verwirrt: Sollte der Zug nicht hier enden? Warum bleiben die Japaner sitzen? Hah. Deren Fehler, ich hatte recht.

Schrein am Inuyama-jo

Nach Karte stoppen alle Zugtypen (vom Local bis zum Ltd.Express) in Nagiso, also springe ich in den nächsten Zug, der einfährt. Im Zug begrüßt mich die Ansage “Welcome to Super Limited Express …”. Super? Wieso Super? Der Zug fährt an Nagiso vorbei, über das Ende meiner Karte hinaus und stoppt erst nach 40 Minuten und 30 km zu weit in Kisofukushima. Fuck. Draußen liegt Schnee, viel Schnee. Soweit ok, nur daß ich am falschen Ort bin. Wie komme ich zurück? Der nächster Zug fährt erst um 22:37 Uhr? Was? Damit ist der letzte Bus weg und das Ryokan hat Sperrstunde (curfew) um 22 Uhr. Riesenproblem.

Ich erkläre dem Station Manager meine Situation. Wegen der Sprachbarriere dauert das etwas länger. Dann telefoniert er mit dem Ryokan. Die wissen Bescheid. Alles wird gut, wenn denn der Zug fährt. Wie jetzt? Ich erfahre, daß der Schnee in dieser Menge nicht geplant war und eventuell in zwei Stunden die Strecke blockiert. Ein Alptraum. Warum bin ich nur in diesen sch… Zug eingestiegen? Jetzt erst einmal Sake, um die Nerven zu beruhigen.

Und wie das schneit. Herrlich. Eigentlich. Ich finde ein offenes Izakaya. Die Wirtin schwingt ein mächtiges Nudelholz. Ich muß gleich wieder raus und den Schnee von meinen Klamotten klopfen. Erst danach darf ich eintreten. 2 Stunden, ein paar Sake und Yakitori-Spieße später geht es zurück zum Bahnhof. In der Zwischenzeit ist die Feuerwehr zwei Mal vorbeigefahrer und hat die Anwohner mit einer Fanfare gewarnt. Der Schneefall scheint außergewöhnlich zu sein. So langsam begreife ich die Sorgen des Stationsleiters und die Verspätungen auf der Anzeige in Tajima.

Kisofukushima im Schnee

Auf dem Weg zum Bahnhof ein paar Fotos, dann sammle ich beim Station Manager mein Gepäck ein. Ich durfte das dort zwischenlagern. Auf dem Bahnsteig mache ich weitere Fotos. Ich nutze den Schnee als Stativ und löse Besorgnisalarm bei den Japanern aus: Ausländer kniet auf dem Bahnsteig im Schnee. Sekunden später ist der besorgte Station Manager da. Er hat die Aktion auf dem Monitor gesehen: Zeit für Deeskalation Stufe 2.

Ich nehme dem letzten Zug des Tages nach Nagiso. Vor dem Bahnhof steht ein Taxi. Ich werde mit “You are Mr. Boller? Hanaya Ryokan?” Das liebe ich an Japan: im Hintergund wird ein Taxi organisiert. Check-in kurz vor Mitternacht. Ich entschuldige mich mehrmals beim Ryokan-Betreiber für das Chaos. (Notiz: Dankesschreiben und Entschuldigung an den Stationmanager schreiben.)

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Shirakawago und Ainokura

Mit dem Taxi geht es zum Bahnhof. Ob das mit der Reservierungsnummer geklappt hat Wo ist der Bus? Der Busfahrer meint, ich hätte ein Ticket holen müssen. Au. Das klingt nach einem Problem. Aber der Sitzplatz ist für mich freigehalten. Ich kann dann doch beim Fahrer zahlen. Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Mit der Fahrt in Richtung Norden sieht man immer mehr Schnee. Habe ich doch Glück? Bisher war ich für Winterwetter immer einen Monat zu früh.

Ogimachi ist ein Traum in weiß. Die Temperaturen sind um die Null Grad und der Schnee schmilzt allerorst in der Sonne. Es liegt genug. Das hält bis zum Abend. Über eine extrem dünne Betonbrücke geht es auf die anderen Flußseite. Die alten Häuser sind hoch mit Schnee bedeckt und wirken wie in den Schnee eingesunken. Ich wandere durch das Dorf. (So änhlich würde wohl Gothmund im Schnee aussehen.) Ich finde den Wanderweg zum Aussichtspunkt, der eigentlich gesperrt ist. Egal. Ich riskiere es und komme gut durch, trotz Schnee und Eis. Die Aussicht von oben ist toll. Man sieht das ganze Dorf, nur die moderne Straße rechts stört.

Wieder zurück im „Tal“ laufe ich noch etwas durch die verschneiten Gassen. Mit der Zeit im Nacken, kommt nur begrenzt Urlaubsstimmung auf. Die Stunden sind schnell vorbei. ich eile zurück über die Betonbrücke, um den Koffer zu holen. Dann erneut über die Brücke, da der Bus nach Ainokura doch auf der anderen Seite fährt. Ich war mir vorhin nicht sicher, habe aber die Haltestelle vorhin gefunden. Kanji lesen hilft. Mit Koffer ist die Brücke schon schwierig. Sie ist vereist und ich rutsche mehr als daß ich gehe. Am Ende der Brücke brauche ich drei Anläufe, um ein kleines, steiles Wegstück hinauf zu kommen.

An der Haltestelle angekommen bleiben noch zwei Minuten für einen Dosenkaffee und Postkarten. Der Bus ist wie immer in Japan auf die Minute pünktlich. Ich und ein Japaner sind die einzigen Fahrgäste. Ein Gespräch mit dem Busfahrer hat Hauptsatzenglisch und Hauptsatzjapanisch als Basis. Ich bin immer “Doitsujin”. Wir stoppen immer wieder auf freier Strecke, an alten Häusern und kleinen Tempeln, damit ich Fotos machen kann. Echt cool.

In Ainokuraguchi  steige ich aus und bedanke mich mehrmals. Der Bus ist weg und ich stehe irgendwo im nichts. Ein Schild weist den Weg. 300m durch den Schneematsch ist mit dem Koffer gar nicht so einfach. Am Dorfeingang ein Parkplatz. Der Parkplatzwächter drückt mir eine Karte in die Hand. Das Choyomon ist ganz am Eingang; was für ein Glück. Wie in Ogimachi ist auch hier alles zugeschneit. Der Schnee liegt 1m hoch.

Ich öffne die Tür, gehe hinein und rufe „sumimasen“. Eine ältere Frau erscheint und begrüßt mich. Schuhe aus und rein in die gute Stube. Sie zeigt mir sofort meinen Schlafplatz; mit einer gefühlten Raumtemperatur von 8 Grad. Der Atem bildet kleine Wolken. Dann gibt es eine Schale Tee am offenen Feuer im Wohnzimmer; gemütlich aber kalt. Ein kleiner Brenner mit ordentlich Schub dient als Heizung. Ich lese das Schild: „Kein Benzin einfüllen! Nur mit Kerosin betreiben!“ Das ist mal ne Ansage.

Um 14:45 zieht es mich nach draußen; Fotos machen. Ainokura ist klein. Nach einer halben Stunde hat man alles gesehen, also kann man sich viel Zeit lassen und die Szenerie genießen. Es gibt nur dieses verträumte kleine Dorf im Nichts. Alle Wege aus dem Dorf heraus in die Berge sind zugeschneit und unpassierbar. Ich besuche das lokale Museum in einem der Häuser. Es gibt nur wenige, aber sehenswerte Exponate. Man kann mit einer Leiter in die zweite Etage. Die Dachkonstruktion ist erstaunlich. Es werden keine Nägel verwendet Alles ist mit Seilen verknotet. Das Reet ist zweilagig aufgetragen.

Dann geht es den Berg hinauf zu einem Aussichtspunkt. Der Weg ist zwar unter Schnee begraben aber gerade noch so eben passierbar. Die Sicht auf das Dorf ist gut. Ich werde in der Dämmerung einen zweiten Anlauf machen. Der Weg führt laut Karte auf die andere Dorfseite. Aber nicht für mich. Ein paar Meter hinter dem Aussichtspunkt sacke ich bis über die Knie in den Schnee ein.

Also zurück ins Dorf. Btw, das Wetter ist bombig. Schon den ganzen Tag Sonne pur. Ich schleiche durch das Dorf und stoppe in einem kleinen Laden für Souveniers und Nihonshu (Sake) zum Aufwärmen. Gegen 16:30 fängt es an zu dämmern und Mond geht gerade auf. Ein perfektes Bild, aber nicht wirklich im Foto festhaltbar. Die Lichtverhältnisse erfordern ein Stativ und HDR.

In fortgeschrittener Dämmerung gehe ich wieder hoch zum Aussichtspunkt. Ich baue einen kleinen Schneeberg als Stativersatz. Ich glaube, mir sind ein, zwei gute Aufnahmen gelungen. Beim Abstieg ins Dorf sehe nur weiß. Der ganze Schnee in der Dunkelheit; wo ist der Weg? Ich taste mich langsam voran, nach dem Prinzip: geht der Schnee bis zum Knie, bin ich vom Weg abgekommen.

Ich bin pünktlich zum Abendessen zurück zum Choyamon. Am offenen Feuer wird bereits Fisch gegrillt. Ein zweiter Gast trifft ein. Die Mutter der Hausbesitzerin setzt sich zu uns; so eine richtige Obasan. Zum Glück kann der Japaner etwas für mich dolmetschen, sonst wäre ich aufgeschmissen. Nach 5 Worten bin ich immer raus.

Der Abend verläuft in gemütlicher Runde. Im Fernsehen läuft „Sasuke’s Rising“. Es erinnert ein wenig an Takeshi’s Castle, ist aber auf Kraft und Ausdauer angelegt. Die Show geht bis 22 Uhr. Dann ist es Zeit für ein heißes Bad. Das kann ich jetzt gebrauchen. In der Zwischenzeit bringt der Kerosinbrenner mein Schlafzimmer auf Temperatur.

Ich entschließe mich zu einer letzten Runde durch das Dorf. Wir haben fast Vollmond. Es ist also nicht zu dunkel. Und ruhig ist es. Totenstille. Ich höre keine Autos. Nichts. Etwas Wind. Man hört das Wasser plätschern. Der Flußlauf ist etwas entfernt und realitv klein. Dennoch ist er zu hören. In Ainokura kann man (nur) entspannen.

Die Nacht ist mit Unterbrechungen behaftet: Alle drei Stunden schaltet sich die Heizung aus Sichherheitsgründen ab. Binnen Minuten wird es kalt. Ich werde automatisch wach. Ein Druck auf die Starttaste für weitere 3 Stunden Wärme.

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Kanazawa

Über Nacht hat es geschneit. Nicht viel, aber so hatte ich mir das gedacht: Winterstimmung. Der erster Stop heute ist die Burg von Kanazawa. Die Anlage ist noch nicht komplett, soweit ich gelesen habe, wird zur Zeit rekonstruiert. Das was fertig ist, kann sich sehen lassen. Man schreitet durch das Tor und steht auf dem Innenplatz und hat den Blick auf eine Burgmauer mit Wachtürmen. Die Wände sind weiß, die Dachziegel und Holzbalken schwarz. Maximaler Kontrat. Gerade jetzt mit dem Schnee überall.

Kanazawa Castle

Gleich hinter der Burg ist der Kenrokuen, einer der drei schönsten Gärten Japans. Im Sommer muß der ein Kracher sein. Jetzt im Winter ist er schon die Wucht. Es gibt Rasenflächen, einen zentralen Garten. Wie immer sind mehrere Landschaften dargestellt. Auch eine Bergregion mit Bergwald und Flußlauf. Witzig: Die Äste der Bäume sind mit Seilen hochgebunden und sehen von weitem wie große Kegel aus. Warum sie machen weiß ich nicht. Wegen dem richtigen Wachstum oder wegen der drohenden Schneelast?

Ein Stop im Teehaus muß sein. Von der Terasse aus hat man Blick auf einen eingezäunten Teil des Gartens. Dann gibt es traditionell grünen Tee und Reiskuchen. Hier könnte ich stundenlang sitzen. Jede Position bietet eine neue Perspektive; wenn es nicht so kalt wäre. Es schneit wieder. So sollte Urlaub sein. Entspannend.

Auf dem Weg nach Nishi-Chaya mache ich einen Stop im Noh-Theater-Museum. Hier sind Masken und Kimono ausgestellt. Man darf sogar anprobieren. Das finde ich so schön in Japan. Museen haben oft etwas zum Mitmachen. Ich habe die Kleidung anprobiert. Mein Kendo und Iaido ist jetzt hilfreich. Hakama und Kimono sind keine Unbekannten. Ich weiß nicht, wie die ein ganzes Theaterstück mit diesen Masken durchziehen. Das ist wie unter PA. Mein Respekt vor den Schauspielern wächst.

Garten

Nishi-Chaya ist nur eine kurze Straße. Die alten Häuser sehen nicht schlecht aus, ich hatte aber mehr erwartet, zumal es keine Resto oder Geschäfte gibt. Die Suche nach dem Ninjadera ist schon kniffeliger. Hier stehen so viele Tempel. Welcher ist es denn jetzt? Ich mache mal auf Verdacht Fotos, bevor ich zum nächsten Ziel, Nagamachi, gehe. Hier stehen ein paar alte Häser und die Straße strahlt Gemütlichkeit aus. Die hohen Mauern um die Grundstücke sind mit Bambusmatten verkleidet. Man fühlt sich wie im alten Japan.

Den Oyama-Schrein hatte ich total vergessen. Jetzt stehe ich durch Zufall davor. Das Tor sieht komisch aus. Es wurde 1599 von einem niederländisches Architekten entworfen; eine Mischung aus japanischen, chinesischen und europäischen Elementen. OK, muß man mögen. Zumindest einzigartig.

Es folgt ein kurzer Abstecher über den Fischmarkt. Krabben für 120€, 1m lange Oktopus-Tentakel in knallrot und so vieles “meer”. Erstaunlich, was die Japaner alles essen (und wie lecker das teilweise ist). Der Geruch auf dem Fischmarkt ist fast neutral; So muß Fisch riechen. Ich bin da der gleichen Meinung wie Automatix. Trotz aller Angebote entscheide ich mich für Karree in einem kleinem Resto nebenan. Und weiter …

Nishi-Chaya und Higashi-Chaya

Der Bezirk Higashi-Chaya war definitiv den Fußmarsch dorthin wert. Hier stehen wie in Nishi alte Teehäuser, also Lokale in denen Geishas gebucht werden konnten (vgl. Gion on Kyoto). Higashi ist kaum mehr als ein Straßenzug und ein paar kurze Nebenstraßen, aber größer als Nishi. Hier wird ein Stück altes Japan lebendig. Ich besichtige eines der Teehäuser. Fotos darf ich nicht machen. Ich gehe durch die verschiedenen Räume. Ein Gästezimmer besteht immer aus zwei Räumen; einen für den Gast, einen für die Geisha und ihr Utensilien.

Auf dem Weg zum Bahnhof finde ich eine kleine Einkaufsstraße. Hier steht noch ein Tempel mit einem sehenswerten Mon. Ich finde ein Geschäft, indem ich einen Vorhang für mein Kamidana kaufe. Ein Tanzen in meiner Größe finde ich nicht; ebensowenig wie am Bahnhof. Haramaki gibt es, aber nicht in dem Osaka-Stil, den ich Suche.

Plötzliches wieder Schneefall; Arare. Genau wie gestern. Alles ist in Sekunden weiß. Das wäre ideal für Fotos, aber so schnell bin ich nicht in Higashi-Chaya oder Nagamachi. Die Pracht hält nicht lange. Sofort springen die Sprinkleranlagen auf der Straße an und spülen alles weg. Außerdem dämmert es schon. Auf dem Fußweg bleibt der Arare etwa 3cm hoch liegen. Ich einfach hier und genieße kurz den Anblick.

Kanazawa

Zurück auf dem Fischmarkt finde ich ein kleines Izakaya im Keller. Hier gibt es Kariage, kleine Holzspieße mit panierten Sachen: Fisch, Fleisch, Gemüse. So findet der Tag ein gemütliches Ende. Im Ryokan schnell noch ein Abstecher ins Bad. Das muß sein. Danach bin ich so entspannt bzw. müde, daß ich fast sofort ins Futon falle und einschlafe.

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Hikone und Eihei-ji

Heute ist der  erste richtige Standortwechsel; mit zwei Zwischenstops. Das wird hektisch und nach der Erfahrung von Asuka und Yoshino bin ich skeptisch, ob es eine gute Idee ist. Ein früher Check-out ohne Frühstück soll Zeit retten.

Der Weg zur Burg ist schnell gefunden. Eine riesige Burgmauer steht vor mir. Es geht dann bergauf, unter der Brücke hindurch, weiter bergauf und über besagte Brücke durch das Tor der Burg. Mich erwartet eine große leere Fläche. Der Grundriß alter Häuser ist an Steinen erkennbar. Der Hauptturm der Burg steht noch und ist einer der ältesten in Japan. Ein Original. Alles ist aus Holz. Die Konstruktion ist beeindruckend, aber so ohne Schuhe wirklich fußkalt. Von der Burg hat man einen Blick über Hikone und den Biwasee.

Hikone

Als ich die Burg verlasse gibt es gerade eine Vorführung des Maskottchen der Burg. Ein weißer Hamster mit Helm, oder sowas. Das ist mir zu japanisch. Der Garten am Fuß der Burg ist im Sommer sicherlich sehenswert ist. Jetzt im Winter ist er teilweise eine Bautelle und ich finde kaum Fotomotive ohne Bagger.

In der Castle Road stehen alte Häuser. Mit den schwarzen Holzbalken und weiße Wänden sind sie zu recht im Reiseführer erwähnt. Frühstück und Mittag, stoppe ich für Kaffee und Kuchen. Die Preise sind “autsch”: Eine kleine Torte (paßt von der Größe bequem auf einen normalen Teller) kostet 3600yen. Das Modell in in Deutschland üblicher Größe skaliere ich mal … naja, so 7000yen (70€)? Konditor in Japan müßte man sein. Ich beschränke mich auf ein kleines Stück und eine Tasse Kaffee. Man ist das kitschig hier. So mit verschnörkeltem Geschirr und Sitzkissen auf Stühlen im Jugendstil.

Der nächste Zug bringt mich nur bis Nagahama. Der nächste Zug nur bis Tsuruga. Argh. Ich bin eh schon hinter meinem Zeitplan. Streckensperrung? Wo? Welche Richtung? Hinter mir, also aus der Richtung woher mein Zug kommt. Ich werde kurz nervös. Dann rollt der Ltd Express nach Fukui ein. Reicht, mehr will ich nicht.

In Fukui Schnee auf den Straßen und Schneeregen von oben. Und … Der nächste Bus nach Eihei-ji fährt erst um 15:20 Uhr und der letzte zurück um 16:20 Uhr. Eine Stunde warten und nur 40 Minuten für den Tempel. Ich überlege, diskutiere mit dem Fahrkartenverkäufer über Optionen. Taxi? Das würde mich finanziell töten; 50€ wenn nicht mehr. Also doch Bus. Ich lasse mich überreden. Den Koffer darf ich beim Ticket Office parken.

Eihei-ji

Ich nutze die Wartezeit für Mittagessen. Karee. Den geht es los. Ich werde förmlich zum Bus eskortiert, dem Busfahrer vorgestellt. Ich bin der einzige Fahrgast. VIP-Status sozusagen. Abfahrt. Die Straßen haben in Kreuzungen und auf der Mittelline Sprinkleranlagen gegen den Schnee. Coole Idee. Aber was ist bei -10 Grad. Das gibt doch ne Eisbahn?

Wir erreichen den Tempel in einer magische Stimmung: Schnee, leicht neblig, naßkalt. So ein wenig Koyasan-Feelung. Rein. Überall Mönche. Ich eile durch die Korridore und Hallen. Die Anlage ist sehr schön. Eigentlich reichen 40 Minuten nicht. Wegen des Wetters sind die offenen Korridore mit Plane abgedeckt. Ein Blick in die Innenhöfe ist schwer. In der Haupthalle beten die Mönche gerade. Einige laufen wie auf Schienen durch die Halle und tragen Dinge rein und raus. Wie Roboter sieht das aus. Mit Anlauf geradeaus bis kurz hinter eine Säule, dann eine langsame exakte 90-Grad-Drehung und wieder beschleunigen. Alles was sie tragen, halten sie hoch über den Kopf.; sieht putzig aus.

Kurz noch in eine Halle mit goldenen Tafeln geblickt, dann muß ich zum Bus zurück. Die Rückfahrt ist von einer anderen Haltestelle. Ich laufe bergb. Bei Schneematsch gar nicht so einfach. Das Ticket für die Rückfahrt muß ich in einem kleinem Laden gegenüber der Haltestelle kaufen. Der Busfahrer ist so nett und wartet.

Die Rückfahrt führt an einer Baustelle vorbei. Betonstelzen. Der Shinkansen wird gebaut. Demnächst sind Kanazawa und Fukui nur noch ein Katzensprung von Tokyo aus. Ich überlege wie die Mönche damals angereist sind? Genauso fühle ich mich gerade. In ein paar Jahren fahren alle Touristen mit 300 Sachen hierher. Ich brauchte Stunden. Aber, ob das gut ist? Eihei-ji hat einen Teil seiner Mystik auch deshalb, weil er am Arsch der der Welt ist.

In Fukui folgt ein zweiter Stop für Essen, bevor es mit dem Zug nach Kanazawa geht. In einem Cafe wird selbiger mit einer Glaskolbenkaffeemaschine gekocht. Es gibt 20 verschiedene Kaffee-Blends zur Auswahl. Ich wähle den European Blend und schaue dem Wirt beim Kaffeekochen zu. Ich merke mir folgende Dinge: Wasser schon heiß einfüllen und grob gemahlener Kaffee. Mit dem Brenner hier schießt das Wasser binnen Sekunden nach oben. Ich brauche einen stärkeren Brenner!

Kanazawa: Auf dem Weg zum Ryokan fängt es an zu … Regen ist es nicht, Schnee auch nicht. Ich erfahre: die Japaner nennen es Arare. Wir nennen es Schneegraupel. Aber die Intensität überrascht. Innerhalb von Sekunden und ohne Vorwarnung ist die Straße weiß. Dazu beginnt ein stürmischer Wind. Ich habe keine Chance in Deckung zu gehen. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei. Ich wollte Schnee. Es war nur anders geplant.

Kanazawa at Arrival

Wo ist das Ryokan? Die Straße sollte stimmen Ich frage nach und erfahre, der Typ weiß auch nicht in welcher Straße er ist. Super Ingo. Ein Kollege hilft aus. Die Straße stimmt, aber wo das Ryokan ist, weiß auch er nicht. Ich laufe weiter. 30m weiter auf der Linken Seite werde ich fündig; ein großes Schild. Wer lesen kann wäre klar im Vorteil.

Nach dem Check-in gehe ich zum Abendesseen in ein Izakaya gleich um die Ecke, das mir das Personal empfohlen hat. Die Straße und das Izakaya ist Teil des Fischmarktes. Nicht einmal in Japaner kann Fisch noch frischer sein. Ich bestellte einen Sashimi-Teller: Krabbe, Thunfisch, Lachs, Oktupus, Tintenfisch, Seeigel. Alles frisch, roh und lecker. Der Geschmack ist minimal, aber man schmeckt die Unterschiede heraus. Dazu heißer Nihonshu und der Tag endet perfekt. Ich habe irgendwo mal gehört, daß Sushi und Sake nicht kombiniert wird. Auf Nachfrage ist das wohl ein Gerücht. Zumindest für Sashima ist es ok. Ach ja… Im Ryokan kurz noch Onsen. Warum? Weil ich es kann.

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